Interessanter Artikel - wie ich finde - aus der Rhein Zeitung über das Mainzer Trainingslager und ihr Spiel gegen Arminia. U. a. wird klar, dass Gabriels Ballverlust, der zu einem Gegentor führte, Teil der Mainzer Pressingtaktik war und nicht lediglich irgendein unglücklicher ’Stolperer’ (wie ich in einer Arminia nahen Presseanalyse zu lesen gemeint habe). Hoffe sehr, dass sich Training, taktische Schulung und Spielanalyse mittlerweile bei uns auf ähnlich hohem Niveau abspielen, wie es bei den Mainzern offensichtlich der Fall ist.
Intensive Ball arbeit und die Opti mie rung des Pressings
Tak tik schu lung statt Medi zin bälle
Costa Ballena - Auch das ist eine Kunst. Die Zweit liga fuß bal ler des FSV Mainz 05 sind nach acht Tagen im Winter-Trai nings lager in Anda lusien müde, aber nicht kaputt. Mitten aus der vollen kör per lichen Belastung heraus schlugen die 05er am Dienstag den Bun des ligis ten Arminia Bielefeld mit 4:2. Die Trai ner crew achtet darauf, dass die Spieler in keiner Einheit über säu ern. Die Kon diti ons arbeit ist inte griert in intensive koor dina tive Übungen, in Spiel for men, in taktische Schulung.
Erfolg rei ches Fore checking im Testspiel gegen Arminia Bielefeld: 05-Stürmer Srdjan Baljak hat "Pres sin gop fer" Petr Gabriel den Ball abgejagt und schlenzt die Kugel zum 2:1 ins lange Eck.
Angenehme Atmo sphäre im Trai nings lager des FSV Mainz 05. Mitte Januar. Prall behängte Oran gen bäume, Palmen, blühende Blumen und Sträucher, zwei Meter hohe Kakteen, um die Häuser streifen Katzen, im Gras picken die Möwen. Sonne, 18 Grad, ein weiter Blick vom Balkon aus über die im sanften Wind wehenden Golffähn lein hinweg auf Strand und Meer. Wel len rau schen. Eine idyl lische Ruhe im Barcelo Costa Ballena. Nichts und niemand stört. Außer zum Frühstück setzt sich ein Eng lis hman mit seiner dicken Brille in der Hand munter an den Tisch und plaudert umgehend von irgend wel chen Puttern, bis er merkt dass er seine sich am Nach bar tisch vor Lachen krüm men den Golf kum pels knapp verfehlt hat.
Im krassen Gegensatz zur anda lusi schen Post kar teni dylle rund um das Hotel steht die kno chen harte Maloche der Berufs kicker auf dem Übungs gelände. Wobei mancher ange reiste Fan seine Erwar tun gen nicht erfüllt sieht. Die Mainzer knüppeln keine Runden um den Platz, da gibt es keine 50 Sprints diagonal über den Platz, da kommen keine Blei wes ten und keine Medi zin bälle zum Einsatz. Da dient die Kon diti ons arbeit auch nicht der Wil lens schu lung. Bei Jürgen Klopp und Zeljko Buvac passiert fast nichts ohne den Ball. Da wirkt vieles spie lerisch leicht. Aber die Inten sität dieser komplexen Übungs for men ist enorm hoch. "Ich bin wirklich müde", sagt Mit tel feld spie ler Daniel Gunkel. Und der Kollege Markus Feulner ergänzt nach acht Tagen: "Im Moment fühle ich mich kör per lich am Tiefpunkt." Und doch reichte es am Dienstag zu einem 4:2 gegen den Bun des ligis ten Arminia Bielefeld. Weil die Profis nie über for dert, nie über die Grenzen geführt werden, weil den hohen Belas tun gen in den Spiel for men immer wieder Erho lungs pha sen folgen. So wie gestern, als Klopp nach dem mor gend lichen Lauf trai ning den Nach mit tag frei gab.
"Ihr steht da rum wie die Schafe"
Die Schwer punkte liegen auf der tak tischen Schulung. Da fordert die Trai ner crew Vollgas. Da macht Jürgen Klopp enormen Druck. In diesen Momenten herrscht auf dem Platz ein raues Klima. Da duldet der Chefcoach keine Nach läs sig kei ten. Da brüllt Klopp quer über das Feld, unter bricht, kor rigiert, da nimmt er sich feh ler hafte Spieler verbal zur Brust. Da wird der Chefcoach auch mal unflätig, da wird er sar kas tisch ("Ihr steht da rum wie die Schafe"), da erzeugt er ganz bewusst Stress ("So haben wir das noch nie gespielt, so werden wir das auch niemals spielen, und wem das nicht passt...").
Pressing bleibt das Zau ber wort. Balljagd. Klopp unter schei det drei Formen: Offen siv pres sing, Mit tel feld pres sing, Defen siv pres sing. Offensiv- und Mit tel feld pres sing richten sich nach dem Gegner aus. Hat die Analyse ergeben, dass der Gegner technisch schwache, in der Spie leröff nung man gel hafte Innen- oder Außen ver tei diger ausweist - das sind soge nannte "Pres sin gop fer" -, dann kann es sinnvoll sein, Fore checking zu betreiben. Aber immer nur situativ. "Wenn wir tief stehende Gegner zu früh pressen, dann schlagen die lange Bälle, und wir hetzen in unserer Hälfte den zweiten Bällen hinterher", sagt Klopp.
Kein Pardon im Defen siv pres sing
Lieber ist es Klopp, einen ver bar rika dier ten Gegner hinten raus zulo cken. "Wir sind eine spiel starke Mann schaft, und dafür brauchen wir Räume, in denen wir kom binie ren können." Dann greift eher das Mit tel feld pres sing. Der Gegner darf aufrücken, er darf sich in den torun gefähr lichen Räumen auch mal austoben. Doch dann erfolgt in den zentralen Zonen der Zugriff, da wird der Ball besit zer aggressiv bear bei tet, da wird gestochen, da wird die Kugel erobert, möglichst schnell umge schal tet, und dann geht in den geöff neten Räumen die Post ab.
Überhaupt kein Pardon, keine situative Ent schei dung gibt es im Defen siv pres sing. Diese Zone markiert Klopp im Training oft mit Kegeln. Die stehen 17 Schritte von der Mit tel linie und 17 Schritte vom eigenen Strafraum entfernt. In diesem Raum wird der Gegner kom pro miss los gestellt, "da wird der Ball gejagt ohne Ende". Da werden die geg neri schen Spieler unter Zeitdruck gesetzt, zu über stürz ten Hand lun gen gezwungen. "Einfache Pässe sind da nicht mehr erlaubt, das geht nicht. Da lassen wir nur noch Rück-, Quer- und Fehlpässe zu."
Schon recht weit gediehen
Dafür ist die 17-Schritte-Mar kie rung, der Raum zwischen den beiden Vie rer ket ten, die Start linie. "Unser Ziel ist es, immer eine kompakte Einheit zu sein", sagt Klopp. "Mit unserem Pres sing ver hal ten ver klei nern wir für den Gegner das Spielfeld." Das ist nicht nur eine gruppen-, sondern eine mann schaft stak tische Aufgabe. "Wo auch immer wir mit ein, zwei, drei Leuten einen Block stellen, dahinter und davor haben alle anderen Spieler auf diese Aktionen zu reagieren." Dieses Prinzip gilt natürlich auch für die offensive Umschal tung. Zwei ein halb Wochen vor dem Rück run den beginn in Koblenz sind die 05-Profis auf ihrem Weg schon recht weit gediehen.
Reinhard Rehberg